Gastbeitrag von Mirjam Quenet – achtsamkeitmitherz.ch
Viele Kinder kennen das Gefühl kurz vor einer Prüfung. Der Kopf ist voll, das Herz klopft, und im Hintergrund laufen dieselben Sätze in Dauerschleife: «Ich kann das nicht.» «Was, wenn ich eine schlechte Note schreibe?» Je näher der Test rückt, desto lauter werden diese Gedanken.
Man nennt das eine Grübelschleife. Es ist ein endloses Gedankenkreisen, das schlechte Gefühle verstärkt und den Fokus blockiert. Das Tückische daran: Je mehr sich ein Kind gegen die Nervosität wehrt, desto stärker wird sie oft. Achtsamkeit setzt genau hier an. Sie hilft dem Kind nicht, die Angst wegzudrücken, sondern kurz einen Schritt zurückzutreten und wieder klar denken zu können.
Die folgenden drei Übungen sind einfach, brauchen keine Hilfsmittel und funktionieren auch direkt vor der Prüfung, am Pult oder auf dem Schulweg.
1. Die Atemübung
Bequem hinsetzen und die Augen schliessen. Kurz spüren, wie die Füsse den Boden berühren. Dann die Aufmerksamkeit ganz auf den Atem legen: langsam einatmen und dabei innerlich bis drei zählen, den Atem einen Moment halten, danach ruhig wieder ausatmen. Ein paar Atemzüge reichen schon. Der Atem ist wie ein Anker, der das Kind vom Gedankenkarussell zurück in den Moment holt.
2. Gedanken beobachten
Gedanken müssen nicht bekämpft werden. In dieser Übung stellt sich das Kind vor, seine Gedanken seien Wolken am Himmel. Sie ziehen vorbei, mal grössere, mal kleinere. Das Kind schaut ihnen nur zu, ohne sie festzuhalten und ohne sie zu bewerten. So entsteht ein bisschen Abstand: Ein Gedanke wie «Ich schaffe das nicht» ist dann nur noch eine Wolke, die vorbeizieht, und nicht die Wahrheit.
3. Die Fünf-Sinne-Übung
Diese Übung holt das Kind schnell aus dem Kopf zurück in die Gegenwart. Nacheinander alle Sinne durchgehen: Was sehe ich gerade um mich herum? Was höre ich? Was kann ich schmecken, was riechen? Und was fühle ich, zum Beispiel den Stuhl unter mir oder den Stift in der Hand? Wer sich auf die Sinne konzentriert, kann nicht gleichzeitig in der Grübelschleife feststecken.
Was Eltern tun können
Kinder spüren die Stimmung ihrer Eltern sehr genau. Wer selbst ruhig bleibt, gibt dem Kind Sicherheit. Hilfreich ist auch, Fehler zu normalisieren: Eine schlechte Note ist kein Drama, sondern Teil des Lernens. Und Achtsamkeit wirkt am besten, wenn sie nicht erst im Prüfungsstress auftaucht, sondern regelmässig geübt wird, im Idealfall gemeinsam. Wenn die Anspannung eines Kindes dauerhaft sehr gross ist, lohnt es sich, professionelle Unterstützung zu holen.
Diese kleinen Übungen nehmen den Druck nicht ganz weg. Aber sie geben dem Kind ein Werkzeug in die Hand, mit dem es der Nervosität begegnen kann, statt sich von ihr überrollen zu lassen. Und oft ist genau das der Unterschied zwischen Blackout und einem klaren Kopf.
Über die Gastautorin
Mirjam Quenet begleitet mit achtsamkeitmitherz.ch Menschen dabei, mit mehr Achtsamkeit und innerer Ruhe durch den Alltag zu gehen. Aktuell vertieft sie sich in Resilienzcoaching für Kinder und Jugendliche.