Von Alexandra Zaugg, Mentalcoach & Meditationslehrerin – www.haerzwaeg.ch
Der Moment, in dem mir klar wurde: Dieses Kind ist am Ende
Neulich sass mir in meiner Praxis in Utzigen ein zehnjähriger Junge gegenüber. Nennen wir ihn Tim. Seine Mutter hatte ihn gebracht, weil er seit Wochen über Bauchschmerzen klagte. Der Kinderarzt fand nichts. Die Schule lief „eigentlich ganz okay”. Keine dramatischen Vorkommnisse.
Tim sass da, spielte mit dem Reissverschluss seiner Jacke, sagte wenig. Typisch Junge in dem Alter, dachte ich erst.
Dann stellte ich ihm eine einfache Frage: „Wenn du morgen früh aufwachst – was ist das erste Gefühl, das kommt?”
Er schaute mich an. Und nach einer langen Pause sagte er leise: „Müde. Einfach nur müde.”
„Auch nach dem Wochenende?”
Er nickte.
„Auch in den Ferien?”
Wieder nickte er. Und dann kamen die Tränen.
Tim war nicht krank. Tim war erschöpft. Mit zehn Jahren.

Warum ein Zehnjähriger erschöpfter sein kann als seine Eltern
Wir reden viel über Burnout bei Erwachsenen. Über die gestresste Managerin, den überlasteten Pfleger, die alleinerziehende Mutter mit drei Jobs.
Aber über ausgebrannte Kinder? Darüber schweigen wir meistens.
Vielleicht, weil es sich falsch anfühlt. Kinder sollen doch spielen, lachen, unbeschwert sein. Wie kann ein Kind, das keine Rechnungen zahlen muss, kein Team zu führen hat, keine Ehe zu retten versucht – wie kann so ein Kind erschöpft sein?
Die Antwort ist unbequem: Weil der Druck, unter dem Kinder heute stehen, nichts mehr mit “früher” zu tun hat.
Gymiprüfung mit elf. Notenschnitt schon in der dritten Klasse relevant. Hausaufgaben bis 18 Uhr, dann Fussballtraining, Klavierunterricht, Pfadi. Dazwischen Instagram, TikTok, WhatsApp-Gruppen, in denen längst nicht mehr nur Emojis ausgetauscht werden, sondern Vergleiche gezogen werden: Wer hat welche Note? Wer geht ins Gymi? Wer ist „gut genug”?
Und mittendrin: Ein Kind, das eigentlich nur sein möchte. Das aber ständig das Gefühl hat, werden zu müssen.
Als Mentalcoach begleite ich seit Jahren Familien im Kanton Bern. Und ich sehe ein Muster, das sich wiederholt: Kinder brennen leise aus. Ohne Drama. Ohne Zusammenbruch. Sie werden einfach… stiller.
Warum wir die Warnsignale oft erst sehen, wenn es (fast) zu spät ist
Tims Mutter sagte zu mir: „Ich dachte, er ist halt ruhiger geworden. Reifer.”
Das dachten viele Eltern. Bis sie realisieren: Das ist nicht Reife. Das ist Resignation.
Kinder zeigen Erschöpfung anders als Erwachsene. Sie sagen nicht: „Ich bin im Burnout.” Sie sagen: „Mir ist langweilig.” Oder: „Ist mir egal.” Oder sie sagen gar nichts mehr.
Deshalb ist es so wichtig, die frühen Warnsignale zu kennen. Die leisen Hinweise, die oft übersehen werden, weil sie so… normal wirken.
Hier sind die fünf Anzeichen, die du ernst nehmen solltest:
1. Dein Kind schläft schlecht – obwohl es hundemüde ist
Tim ging jeden Abend um 20:30 Uhr ins Bett. Und lag bis 22 Uhr wach. Dann schlief er unruhig, wachte mehrmals auf, träumte von Prüfungen, die er nicht geschrieben hatte.
Morgens musste ihn seine Mutter dreimal wecken. Er sass am Frühstückstisch wie benebelt.
Was hier passiert:
Dauerstress versetzt das Nervensystem in permanente Alarmbereitschaft. Auch wenn dein Kind körperlich erschöpft ist – das System kann nicht herunterfahren. Das Stresshormon Cortisol bleibt erhöht. Der Kopf rattert weiter, auch um 23 Uhr.
Woran du es erkennst:
- Dein Kind liegt lange wach, obwohl es todmüde wirkt
- Es wacht nachts auf, kann aber nicht sagen, warum
- Alpträume über Schule, Prüfungen, Versagen
- Morgens fühlt es sich gerädert an – egal wie lange es geschlafen hat
Und hier wird’s fies: Viele Eltern denken zuerst an zu viel Bildschirmzeit. Klar, das spielt oft eine Rolle. Aber wenn dein Kind auch ohne Handy nicht schlafen kann – dann geht’s tiefer.

2. Bauchschmerzen, Kopfweh, Übelkeit – aber nur an Schultagen
„Mama, mir ist schlecht.”
Sonntagabend. Montagmorgen. Vor der Matheschularbeit.
Der Kinderarzt findet nichts. Blutbild okay. Magen-Darm unauffällig.
Am Samstag? Keine Beschwerden. In den Ferien? Kerngesund.
Was wirklich dahintersteckt:
Kinder können emotionalen Stress oft nicht benennen. Sie haben noch nicht die Worte dafür. Also übersetzt der Körper: Angst wird zu Bauchschmerzen. Überforderung wird zu Kopfweh. Druck wird zu Übelkeit.
Das Problem:
Wir nehmen diese Signale nicht immer ernst.
„Jetzt stell dich nicht so an.” „Das ist nur Aufregung.” „Nach der Prüfung geht’s dir wieder gut.”
Stimmt. Geht es auch. Bis zur nächsten Prüfung.
Und irgendwann lernt dein Kind: Meine Gefühle sind nicht wichtig. Ich muss funktionieren.
Das ist der Moment, in dem aus Stress chronische Erschöpfung wird.
3. Konzentration? Fehlanzeige. Auch bei klugen Kindern.
Tim ist intelligent. Sehr sogar. Aber er brauchte für Hausaufgaben, die früher 20 Minuten dauerten, plötzlich anderthalb Stunden.
Er las denselben Satz fünfmal. Vergass, was in der Aufgabe stand. Machte Flüchtigkeitsfehler bei Rechnungen, die er eigentlich konnte.
Seine Lehrerin meinte: „Vielleicht ADHS?”
Seine Mutter war verzweifelt: „Er ist doch sonst so schlau!”
Was wirklich los war:
Ein überlastetes Nervensystem schaltet in den Überlebensmodus. Die Energie geht in „Fight or Flight” – nicht in „lernen, verstehen, behalten”.
Das Gehirn funktioniert dann wie ein Handy mit 3% Akku: Es kann noch die Grundfunktionen bedienen, aber für alles andere fehlt die Power.
Typische Zeichen:
- Hausaufgaben dauern ewig
- Vokabeln, die gestern noch sassen, sind heute weg
- Dein Kind starrt auf die Seite, nimmt aber nichts auf
- Es wirkt „abwesend”, auch wenn es direkt vor dir sitzt
Wichtig: Das ist keine Faulheit. Das ist ein erschöpftes Gehirn, das um Pause bettelt.
4. Dein Kind zieht sich zurück – von Freunden, Hobbys, vom Leben
Letztes Jahr noch Geburtstagsparty mit zehn Kindern. Dieses Jahr: „Ich will nicht feiern.”
Früher Fussballtraining dreimal die Woche. Jetzt: „Hab keine Lust mehr.”
Freunde rufen an. Dein Kind geht nicht ran.
Was Eltern oft denken:
„Pubertät halt.” „Ist in dem Alter normal.”
Was wirklich passiert:
Erschöpfung frisst soziale Energie. Wenn dein Kind kaum noch Kraft hat, den Schulalltag zu überstehen, bleibt nichts mehr übrig für Freundschaften.
Dazu kommt oft Scham: „Die anderen schaffen alles locker. Nur ich nicht.”
Also zieht es sich zurück. Nicht weil es keine Menschen mag. Sondern weil es keine Kraft mehr hat, Mensch zu sein.
5. „Ist mir egal” – wenn Gleichgültigkeit ein Hilfeschrei ist
Das vielleicht erschreckendste Signal: Dein Kind, das früher für ein Thema brannte, sagt plötzlich: „Interessiert mich nicht.”
Tim liebte Biologie. Er sammelte Käfer, schaute Dokus über Wale, wollte Meeresbiologe werden.
Dann kam die schlechte Note im Natur-und-Technik-Test.
Und noch eine.
Und irgendwann sagte er: „Biologie ist eh doof.”
Was dahintersteckt:
Das ist kein Desinteresse. Das ist Selbstschutz.
„Wenn mir das egal ist, kann ich nicht mehr enttäuschen. Wenn ich’s nicht versuche, kann ich nicht versagen.”
Diese Gleichgültigkeit ist der letzte Schutzmechanismus eines Kindes, das sich aufgegeben hat.
Die unsichtbare Stress-Spirale: Warum deine eigene Erschöpfung Teil des Problems sein kann
Jetzt kommt der Teil, den niemand gerne hört.
Aber ich muss ihn sagen, weil er so wichtig ist:
Kinder spüren deine Anspannung. Auch wenn du sie versteckst.
Du sitzt neben deinem Kind bei den Hausaufgaben. Sagst freundlich: „Komm, wir schaffen das.”
Aber innerlich denkst du:
- Ich muss gleich noch kochen
- Die Wäsche ist noch nicht aufgehängt
- Morgen das Meeting, hab ich die Präsentation fertig?
- Warum dauert das so lange, andere Kinder sind längst fertig
Dein Kind hört nicht deine Worte. Es spürt deine Frequenz.
Und diese Frequenz sagt: Es ist nicht okay, langsam zu sein. Es ist nicht okay, Fehler zu machen. Wir haben keine Zeit.
Das ist kein Vorwurf. Du gibst dein Bestes. Ich weiss das.
Aber es erklärt, warum Lernsituationen zu Hause oft so aufgeladen sind. Nicht wegen des Schulstoffs. Sondern wegen der unausgesprochenen Spannung zwischen euch.
Was du tun kannst: Kleine Rituale mit grosser Wirkung
Die gute Nachricht: Du kannst sofort etwas verändern. Nicht alles. Aber etwas.
Der 3-Atemzüge-Reset
Bevor ihr euch an die Hausaufgaben setzt:
Atme dreimal tief ein und aus. Gemeinsam.
Sag zu deinem Kind: „Komm, wir atmen erst mal durch. Zusammen.”
Hand auf den Bauch. Einatmen – Bauch raus wie ein Ballon. Ausatmen – Bauch rein.

Warum das funktioniert:
Bewusstes Atmen aktiviert den Vagusnerv – das Signal an dein Nervensystem: Du bist sicher. Du darfst runterfahren.
Es dauert 30 Sekunden. Aber es kann den Ton für die nächste Stunde setzen.
Access Bars: Wenn Worte nicht mehr reichen
In meiner Praxis arbeite ich oft mit Access Bars – einer sanften Methode, bei der ich 32 Punkte am Kopf leicht berühre.
Klingt esoterisch? Verstehe ich.
Aber ich erlebe immer wieder: Kinder, die nicht reden wollen oder können, entspannen sich dabei tief. Manchmal schlafen sie ein. Manchmal weinen sie. Manchmal sagen sie danach: „Mir geht’s leichter.”
Access Bars löst keine Matheprobleme. Aber es schafft Raum. Inneren Raum, in dem wieder etwas anderes möglich wird als nur Druck.
Wann du Hilfe holen solltest – und welche
Lass uns ehrlich sein: Manchmal reichen Atemübungen nicht.
Du brauchst Unterstützung, wenn:
- Die Symptome länger als vier Wochen anhalten
- Dein Kind sich selbst abwertet („Ich bin dumm”, „Ich kann nichts”)
- Ihr als Familie in einem Konfliktkreislauf feststeckt
- Du merkst: Ich komme alleine nicht mehr weiter
Die innere Blockade lösen
Manchmal ist das Problem nicht der Stoff. Sondern die Angst davor.
Versagensangst. Perfektionismus. Der innere Kritiker, der sagt: „Du schaffst das eh nicht.”
Hier setze ich als Mentalcoach an:
- Wir lösen alte Glaubensmuster
- Stärken das Selbstvertrauen deines Kindes
- Finden Strategien für den Umgang mit Druck
- Schaffen innere Ruhe durch Atem- und Energiearbeit
Was bleibt: Dein Kind ist nicht kaputt
Tim kommt heute noch manchmal zu mir. Nicht mehr wegen Bauchschmerzen. Manchmal einfach, um „aufzutanken”, wie er sagt.
Er geht wieder zur Pfadi. Spielt wieder Fussball. Und letzte Woche hat er seiner Mutter ein Insekt gezeigt, das er gefunden hat. „Guck mal, eine Gottesanbeterin!”
Er ist wieder neugierig. Er ist wieder lebendig.
Das ist möglich. Auch für dein Kind.
Burnout bei Kindern ist kein Schicksal. Es ist ein Signal. Und Signale kann man hören – wenn man weiss, worauf man achten muss.
Über die Gastautorin
Alexandra Zaugg ist Expertin für Persönlichkeitsentwicklung, Stressbewältigung und Burnout-Prävention im Raum Bern. Früher blickte sie als Fotografin durch die Kamera auf die Menschen – heute begleitet sie sie als Mentalcoach und Meditationslehrerin nach innen. Mit Methoden wie Achtsamkeit, Breathwork und Access Bars® hilft sie Familien, Ängste zu lösen, das Funktionieren zu beenden und in echte Selbstliebe einzutauchen.
Mehr über Alexandra und ihre Arbeit:
➔ www.haerzwaeg.ch
➔ Blogartikel: Innere Unruhe bei Kindern: 5 sanfte Wege, wie dein Kind (und du) wieder zur Ruhe kommen